Was macht uns wirklich glücklich? Was die Glücksforschung über ein erfülltes Leben weiß
Warum mehr Erfolg, Geld und Erlebnisse uns oft weniger glücklich machen als gedacht und was Laurie Santos' Forschung über Savoring, Beziehungen, Dankbarkeit und Achtsamkeit zeigt.

Mehr Erfolg. Mehr Geld. Der bessere Job. Die schönere Wohnung. Der nächste Urlaub. Mehr Anerkennung. Wir Menschen verbringen erstaunlich viel Zeit damit, Dinge anzustreben, von denen wir überzeugt sind:
Wenn ich das erst habe, dann werde ich mich besser fühlen.
Und tatsächlich fühlen wir uns häufig besser – zumindest vorerst.
Die Beförderung kommt. Das ersehnte Paket liegt vor der Tür. Wir buchen die Reise. Jemand macht uns ein wunderbares Kompliment. Wir erreichen ein Ziel, auf das wir monatelang hingearbeitet haben. Und dann? Einige Tage oder Wochen später ist vieles davon bereits Teil unseres normalen Lebens geworden. Was gestern noch besonders war, fühlt sich heute erstaunlich selbstverständlich an. Und schon taucht der nächste Gedanke auf:
Was kommt als Nächstes?
Genau mit solchen Fragen beschäftigt sich die Yale-Psychologin Laurie Santos in ihrer Forschung und ihrem berühmten Kurs Psychology and the Good Life. Der Kurs wurde zum meistbesuchten in der mehr als 300-jährigen Geschichte der Yale University; die Online-Version The Science of Well-Being haben inzwischen Millionen Menschen absolviert.
Im Zentrum steht eine eigentlich einfache, aber ziemlich unbequeme Frage:
Warum sind wir Menschen so schlecht darin vorherzusagen, was uns wirklich glücklich macht?
Genau damit knüpft dieser Artikel an meinen ersten Beitrag „Warum wir immer mehr wollen und wie Achtsamkeit uns zurück zu echter Erfüllung führt“ an. Dort ging es darum, warum unser Belohnungssystem immer wieder nach dem nächsten Reiz sucht.
Heute möchte ich einen Schritt weitergehen: Wenn „mehr“ uns nicht dauerhaft erfüllt, was tut es dann?
Miswanting: Warum wir oft das Falsche für unser Glück halten
Wir gehen häufig davon aus, dass sich unser innerer Zustand verändern wird, sobald sich unsere äußeren Umstände verändern.
Wenn ich erst mehr verdiene …
Wenn ich diesen Job bekomme …
Wenn ich endlich diese Wohnung habe …
Wenn ich erfolgreicher bin …
Wenn ich erst im Urlaub bin …
… dann werde ich zufrieden sein. Das Problem daran: Wir Menschen sind nicht besonders gut darin vorherzusagen, wie stark und vor allem wie lange bestimmte Ereignisse unser Wohlbefinden beeinflussen werden. Laurie Santos bezeichnet unsere Tendenz, Dinge anzustreben, von denen wir fälschlicherweise erwarten, dass sie uns deutlich glücklicher machen werden, als „Miswanting“.
Damit ist ausdrücklich nicht gemeint, dass Erfolg, Geld, Karriere, schöne Dinge oder Reisen schlecht wären. Natürlich dürfen wir Ziele haben. Natürlich dürfen wir erfolgreich sein wollen.
Und natürlich dürfen wir uns über eine Gehaltserhöhung, ein schönes Zuhause oder einen großartigen Urlaub freuen. Der entscheidende Unterschied liegt woanders:
Wir überschätzen häufig, wie viel nachhaltiges Glück diese äußeren Veränderungen tatsächlich erzeugen. Unser Gehirn passt sich erstaunlich schnell an. Was gestern außergewöhnlich war, wird Teil unserer neuen Normalität. Und genau deshalb kann aus:
„Wenn ich das habe, bin ich glücklich.“
ziemlich schnell wieder:
„Was brauche ich jetzt noch?“
werden.

Wenn sogar unsere Freizeit zum Optimierungsprojekt wird
Ich finde diesen Mechanismus gerade in unserer heutigen Arbeits- und Lebenswelt unglaublich relevant. Denn sehr viele unserer Systeme belohnen permanentes Streben:
mehr leisten.
mehr erreichen.
mehr besitzen.
mehr optimieren.
mehr erleben.
Und längst ist davon nicht mehr nur unsere Arbeitswelt betroffen:
Der Urlaub soll besonders sein.
Der freie Tag sinnvoll genutzt.
Das Essen möglichst fotogen.
Der Sport effektiv.
Die Morgenroutine perfekt.
Selbst Meditation soll uns bitte möglichst schnell produktiver, fokussierter und resilienter machen.
Wir optimieren inzwischen sogar unsere Erholung. Und vielleicht wäre genau deshalb eine andere Frage viel interessanter: Was brauche ich eigentlich wirklich?
Nicht:
Was sollte ich noch erleben?
Sondern:
Was nährt mich?
Nicht:
Was fehlt mir noch?
Sondern:
Was ist vielleicht längst da und ich nehme es kaum noch wahr?
Die gute Nachricht: Wohlbefinden lässt sich beeinflussen
Das Spannende an Santos' Arbeit ist für mich deshalb nicht nur die Erkenntnis, dass wir häufig den falschen Dingen zu viel Bedeutung für unser Glück zuschreiben. Viel interessanter ist der zweite Teil. Denn The Science of Well-Being bleibt nicht bei der Theorie stehen. Santos arbeitet mit sogenannten „Rewirements“ – konkreten Übungen und Verhaltensweisen, mit denen Erkenntnisse aus der Glücksforschung in den Alltag übersetzt werden. Dazu gehören unter anderem:
soziale Verbundenheit
Dankbarkeit
Savoring
Meditation
Bewegung
Schlaf
und ein bewussterer Umgang mit unserer Zeit.
Es geht also nicht nur darum, Glück intellektuell zu verstehen. Es geht darum, anders zu leben. Und einige der Dinge, die unser Wohlbefinden nachweislich unterstützen können, sind erstaunlich unspektakulär.
1. Savoring: Das Gute nicht sofort wieder verpassen
Eine dieser Praktiken ist Savoring. Auf Deutsch lässt es sich ungefähr mit bewusstem Auskosten übersetzen. Das klingt zunächst banal. Ist es aber nicht.
Denn wie oft passiert etwas Schönes und wir sind gedanklich bereits beim nächsten Moment? Wir sitzen beim Abendessen und schauen aufs Handy. Wir stehen vor einem wunderschönen Sonnenuntergang und überlegen zuerst, welches Foto wir machen.
Wir bekommen ein Kompliment und spielen es herunter. Wir trinken einen richtig guten Kaffee und beantworten nebenbei Nachrichten. Wir haben ein schönes Gespräch und checken fünf Minuten später schon wieder unsere Mails.
Der positive Moment findet statt.
Aber wir sind kaum darin anwesend.
Savoring bedeutet, genau das zu verändern.
Nicht sofort weiterzugehen.
Einen angenehmen Moment bewusst wahrzunehmen.
Die Aufmerksamkeit ein wenig länger dort zu lassen.
Vielleicht sogar innerlich festzustellen:
Das hier ist gerade schön.
Gerade in einer Welt permanenter Reize finde ich diesen Gedanken enorm wertvoll.
Denn vielleicht brauchen wir gar nicht immer intensivere Erfahrungen. Vielleicht müssen wir das Erlebte wieder intensiver wahrnehmen.
Ein kleines Savoring-Experiment für heute:
Wenn dir heute etwas Schönes passiert, mach für einen Moment – nichts.
Kein Foto.
Kein Post.
Kein Griff zum Smartphone.
Kein „Das muss ich mir merken“.
Bleib einfach kurz dort.
Spüre deinen Körper.
Nimm wahr, was du siehst.
Was du hörst.
Was du riechst.
Wie sich dieser Moment anfühlt.
Und gib ihm ein paar Atemzüge deiner ungeteilten Aufmerksamkeit.
Nicht, um dein Gehirn zu „hacken“.
Nicht als nächste Selbstoptimierungsübung.
Sondern um tatsächlich mitzubekommen:
Mein Leben findet gerade statt.
2. Zeitwohlstand: Vielleicht brauchen wir nicht mehr Zeit – sondern einen anderen Umgang damit
Eine zweite Erkenntnis aus der Glücksforschung finde ich mindestens genauso spannend:
Wohin fließt eigentlich unsere Zeit?
Wir sagen:
„Ich habe keine Zeit für meine Freunde.“
„Ich habe keine Zeit für Sport.“
„Ich habe keine Zeit, rauszugehen.“
„Ich habe keine Zeit für mich.“
Gleichzeitig verschwinden erstaunlich viele kleine Zeitfenster in Scrollen, Nachrichten, Serien, Online-Shopping oder anderen Formen permanenter Stimulation.
Santos behandelt in ihrem Kurs deshalb auch das Konzept der Time Affluence – Zeitwohlstand. Gemeint ist das subjektive Gefühl, genügend Zeit für die Dinge zu haben, die uns wichtig sind. Und genau darin könnte ein spannender Perspektivwechsel liegen:
Wir müssen Zeit nicht immer nur sparen.
Wir können sie auch bewusst investieren.
20 Minuten weniger Scrollen.
20 Minuten draußen.
Eine Stunde weniger am Smartphone.
Eine Stunde mit einem Menschen, den wir lieben.
Ein Kauf weniger.
Ein gemeinsames Erlebnis mehr.
Nicht als Verzicht. Sondern als Entscheidung:
Womit möchte ich mein Leben eigentlich füllen?
Zu dem Thema warum wir eigentlich das Gefühl haben, dass uns die Zeit ständig davonrennt, habe ich vor einigen Monaten einen spannenden Blogartikel geschrieben, den du hier gern nachlesen kannst: Wo bleibt eigentlich unsere Zeit?
3. Beziehungen: Wir unterschätzen, wie gut uns andere Menschen tun können
Einer der robustesten Befunde der Wohlbefindensforschung betrifft etwas, das ebenfalls erstaunlich alltäglich klingt: soziale Verbindung.
Ein gutes Gespräch.
Gemeinsam lachen.
Sich jemandem anvertrauen.
Zusammen essen.
Spazieren gehen.
Sich gesehen fühlen.
Oder einfach Zeit mit einem Menschen verbringen, bei dem wir nicht funktionieren müssen.
Auch soziale Verbundenheit spielt in Santos' Kurs eine zentrale Rolle.
Und vielleicht ist das gerade in einer zunehmend digitalen Welt besonders relevant.
Denn wir können heute permanent miteinander verbunden sein – und uns trotzdem wenig wirklich begegnen. Ein Emoji ist nicht dasselbe wie ein Blick. Eine Sprachnachricht nicht dasselbe wie gemeinsam am Tisch zu sitzen. Und 30 WhatsApp-Nachrichten ersetzen nicht automatisch das Gefühl: Da ist jemand wirklich bei mir.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, wie viele soziale Kontakte wir haben.
Sondern:
Bei welchen Menschen kann mein System wirklich loslassen?
Welche Bedeutung gesunde Beziehungen für unsere langfristige Gesundheit haben, hat Robert Waldinger in einer beeindruckenden Langzeitstudie ausführlich untersucht. Dabei gilt es, sich und seine Beziehungen ehrlich zu hinterfragen und mit einem Blick daraufzuschauen: Wer tut mir langfristig wirklich gut und wer kostet mich auf die Dauer zu viel Kraft ? Natürlich ist es nicht immer leicht, sich von Menschen zu trennen, besonders wenn es sich um die eigene Familie handelt. Dennoch dürfen wir lernen, bewusster mit der eigenen Energie umzugehen und sich den Rückzug zu nehmen, den es eben braucht, um wieder etwas geben zu können.
4. Dankbarkeit – aber bitte konkret
Dankbarkeit gehört wahrscheinlich zu den bekanntesten Übungen der Positiven Psychologie. Und manchmal wird sie genau deshalb etwas beliebig.
„Ich bin dankbar für meine Familie.“
„Ich bin dankbar für meine Gesundheit.“
„Ich bin dankbar für mein Leben.“
Alles richtig. Aber wir können noch einen Schritt weitergehen. Statt abstrakter Dankbarkeit können wir uns fragen:
Welcher konkrete Mensch hat heute etwas getan, das mir gutgetan hat?
Was genau hat er oder sie getan?
Und was hat das in mir ausgelöst?
Ein Beispiel:
Eine Freundin hat mir heute geschrieben, obwohl sie selbst unglaublich viel zu tun hat. Ich habe mich dadurch gesehen gefühlt.
Oder:
Mein Kollege hat mich in einem schwierigen Meeting unterstützt. Dadurch habe ich mich weniger allein gefühlt.
Oder ganz klein:
Mein Partner hat mir heute Morgen einen Kaffee hingestellt, ohne dass ich etwas sagen musste. Das war liebevoll aufmerksam im Alltag.
Und noch wirkungsvoller kann es werden, wenn wir diese Dankbarkeit nicht nur denken, sondern aussprechen.
Dies verleiht der Dankbarkeit eine stärkere Wirkung. Nicht nur wahrzunehmen, was gut ist.
Sondern den anderen Menschen wissen zu lassen:
Du hast gerade etwas in meinem Leben besser gemacht.

Was hat das alles mit Achtsamkeit zu tun?
Für mich sehr viel. Denn Achtsamkeit bedeutet nicht nur Meditation.
Achtsamkeit bedeutet zunächst einmal, mitzubekommen, was gerade passiert.
Und zwar nicht nur das Schwierige (worauf unser Nervensystem sowieso programmiert ist). Auch das Gute. Unser Gehirn ist hervorragend darin, offene Aufgaben, mögliche Probleme und relevante Veränderungen zu registrieren. Und in einer digital reizintensiven Welt bekommt es dafür permanent neues Material:
Die nächste Nachricht.
Die nächste Mail.
Der nächste Post.
Das nächste Video.
Die nächste Aufgabe.
Der nächste Wunsch.
Das Schöne dagegen kann erstaunlich schnell vorbeirauschen, wenn unsere Aufmerksamkeit schon wieder beim nächsten Reiz landet. Achtsamkeit kann genau dort eine kleine Unterbrechung schaffen.
Nicht:
Was fehlt noch?
Sondern:
Was ist schon da?
Nicht:
Was brauche ich als Nächstes?
Sondern:
Wie fühlt sich dieser Moment gerade an?
Nicht:
Wie kann ich mein Leben noch besser machen?
Sondern manchmal vielleicht:
Kann ich das Leben, das gerade da ist, überhaupt noch wahrnehmen?
Vielleicht brauchen wir kein glücklicheres Leben – sondern mehr Anwesenheit darin
Und damit schließt sich für mich der Kreis zu meinem ersten Artikel über unser permanentes Streben nach „Mehr“. Die Lösung besteht nicht darin, nichts mehr zu wollen.
Wir dürfen Ziele haben.
Wir dürfen erfolgreich sein wollen.
Wir dürfen Karriere machen.
Wir dürfen reisen.
Wir dürfen uns schöne Dinge kaufen.
Wir dürfen große Träume haben.
Es geht nicht um Verzicht. Es geht darum, nicht vom nächsten äußeren Ziel zu erwarten, dass es dauerhaft etwas in unserem Inneren löst. Und gleichzeitig wieder stärker wahrzunehmen, was längst da ist:
Einen Menschen.
Einen Sonnenstrahl.
Einen guten Kaffee.
Einen Körper, der sich bewegen kann.
Ein Gespräch.
Musik.
Natur.
Ein Moment echter Verbundenheit.
Das klingt weniger spektakulär als der nächste große Kick.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Glück muss nicht immer größer werden.
Manchmal müssen wir nur wieder lernen, es zu bemerken.
Eine kleine Einladung zum Schluss
Probier heute nur eine Sache:
Wenn dir etwas Schönes begegnet, geh nicht sofort weiter. Bleib. Atme. Spüre. Schau hin.
Und gib diesem Moment ein paar Sekunden deiner ungeteilten Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist das eine der einfachsten Formen von Achtsamkeit:
nicht ständig mehr Glück produzieren zu wollen, sondern das vorhandene Glück wieder wahrnehmen zu können.
👉 Genau hier setze ich auch mit meinen Trainings, Workshops und Kursen an: Wie können wir unsere Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung und Stressregulation stärken – nicht als weitere Selbstoptimierung, sondern damit mentale Gesundheit, Wohlbefinden und gesunde Leistungsfähigkeit langfristig möglich bleiben?
Wissenschaftlich fundiert, praxisnah und mit Methoden, die sich tatsächlich in den Alltag integrieren lassen.
Und wenn du nicht nur darüber lesen, sondern selbst tiefer einsteigen möchtest: Am 12. Oktober 2026 startet mein neuer Onlinekurs „Stressbewältigung durch Achtsamkeit“.
Über mehrere Wochen lernst du, eigene Stressmuster bewusster wahrzunehmen, dein Nervensystem zu regulieren und Achtsamkeit so in deinen Alltag zu integrieren, dass daraus Schritt für Schritt eine nachhaltige Veränderung entstehen kann.
Der Kurs ist als Präventionskurs zertifiziert und wird von den gesetzlichen Krankenkassen bezuschusst – je nach Krankenkasse kann ein großer Teil der Kursgebühr erstattet werden.
Und wenn du dich für meine Angebote für Unternehmen, Teams und Führungskräfte rund um mentale Gesundheit, Stressmanagement, Nervensystemregulation und achtsame Selbstführung interessierst, findest du auch dazu weitere Informationen auf meiner Website.
Katharina Ogilvie
Quellen
Yale University / Laurie Santos: The Science of Well-Being und Psychology and the Good Life. Inhalte u. a. zu Fehlannahmen über Glück, Miswanting, sozialer Verbundenheit, Zeitwohlstand, Savoring, Dankbarkeit, Meditation, Schlaf und Bewegung. The Science of Well-Being | Yale Online
Yaden, D. B. et al. (2021): Teaching well-being at scale: An intervention study. PLOS ONE. Teilnehmende des Online-Kurses The Science of Well-Being berichteten stärkere Verbesserungen ihres subjektiven Wohlbefindens als Teilnehmende eines allgemeinen Psychologie-Onlinekurses. Teaching well-being at scale: An intervention study - PubMed





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