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Optimale Selbstoptimierung ?!

Aktualisiert: 11. Mai 2023


Dass die Selbstoptimierungsmaßnahmen ein immer höheres Ausmaß annehmen, zeigt das wachsende Angebot an Fitness-Apps, Persönlichkeitsentwicklungs-Kursen, Business-Coachings & Co. Aber wieviel Selbstoptimierung ist eigentlich noch gesund und ab wann nimmt das Optimieren so perfektionistische Züge an, dass man sich selbst zu sehr vergleicht und Idealen entsprechen möchte, die einem im Streben danach gar nicht gut tun?


Ganz klar zählen die Erwartungen und der Druck aus dem familiären sowie sozialen Umfeld in Bezug auf Abschlüsse mit Bestnoten, außergewöhnliche Leistungen (Hobbys wie Musik und Sport) und eine erfolgreiche Karriere (Sonnenmoser, 2022) zu den Hauptgründen, warum man sich vergleicht und "perfekt" sein möchte. Dabei haben die elterliche Kritik und der Druck in Bezug auf akademische Laufbahnen in den letzten Jahren deutlich zugenommen (Curran & Hill, 2022).





Auf gesellschaftlicher Ebene verstärken die Faktoren


  • Neokapitalismus

  • Leistungsorientierung

  • wachsende ökonomische Ungleichheit und Unsicherheit

  • Konkurrenzkampf

  • Wettbewerbsdruck

  • Globalisierung


dieses Phänomen, sodass Menschen unablässig den Drang verspüren, “schneller und besser als andere zu sein und es bis an die Spitze zu schaffen.” (Sonnenmoser, 2022)

Perfektionismus ist als Phänomen jedoch nicht auf schulische und berufliche Bereiche limitiert, sondern zieht sich durch alle relevanten Lebensbereiche - auch privat:


Perfekte Paarbeziehung & Freundschaft


Im Bereich Paarbeziehung sind die Erwartungen heute oftmals so hoch gesteckt, dass Beziehungen gar nicht erst zustande kommen oder bereits frühzeitig wieder scheitern. Gleichzeitig wird sehr viel Energie in eine aufwändige Suche möglicher Partner:Innen gesteckt (Sonnenmoser, 2022).

Auch in Freundschaften können perfektionistische Tendenzen schnell destruktiv wirken, da durch ständiges Vergleichen mehr Konkurrenzgefühle wirken als Zuneigungsgefühle (Etherson et al. 2022).


Elternschaft


Den Kindern ein möglichst sorgenfreies Leben ermöglichen und ihnen alle erdenklichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, wird auch “Helikoptern” genannt. Dieses Verhalten, das sich aus Perfektionismus ergibt, schadet sowohl den Eltern als auch dem Kind, da es keine Frustrationstoleranz entwickelt (Sonnenmoser, 2022).


Lebensstil und Gesundheit


Menschen stecken bereits viel Energie in den Erhalt und die Verbesserung ihrer Gesundheit. Dies erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen wie mental, psychisch und körperlich. Bei perfektionistischen Zügen kann daraus eine überregulierte Selbstdisziplinierung in Bezug auf Ernährung, Behandlungen (kosmetisch, hormonell, chirurgisch), Sport oder Mentaltraining entstehen. Diese mahn- und zwanghaften Formen von Gesundheitsorientierung können chronisch unzufrieden machen und zur emotionalen und körperlichen Erschöpfung führen. Ein weiterer wichtiger Aspekt in diesem Kontext ist auch das eigene Aussehen (Sonnenmoser, 2022).






Wichtig ist, dass Perfektionismus nicht automatisch dysfunktional ist. Vielmehr hat er Vor- und Nachteile. Im Bereich der Selbstoptimierung kann es bspw. von Vorteil sein, sehr auf eine gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf und die Entwicklung von gesunden, sozialen Beziehungen zu achten. Es muss generell nicht destruktiv sein, das "beste" Ergebnis für sich erreichen zu wollen. Pathologisch bzw. behandlungsbedürftig sind die Formen von Perfektionismus, bei denen die der/die Betroffene Leidensdruck empfindet, weil das Streben nach dem besten Ergebnis sie/ihn über seine Grenzen gehen lässt und sie/er das Gefühl für die eigene Leistungsfähigkeit verliert. Perfektionismus kann dabei von innen (= intrinsisch, aus inneren Prägungen und eigenen Erwartungen heraus) oder von außen (= extrinsisch, aus äußeren Erwartungshaltungen, Vergleichswerten, gesellschaftlichen Vorgaben oder "Vorbildern" heraus) wirken.


Von innen wirkend erfordert Perfektionismus Lernerfahrungen in den Bereichen:


  • Selbstwertgefühl unabhängig von Erfolg und Misserfolg

  • aus gemachten Fehlern lernen und sich diese verzeihen


Von außen wirkend erfordert Perfektionismus Lernerfahrungen in den Bereichen:


  • Hinterfragen von gesellschaftlichen Wertvorstellungen und Idealen sowie sozialem Druck

  • Anpassung und Reflexion der eigenen Mediennutzung

  • Entwicklung eigener Wertvorstellungen, Standards und Ziele in Bezug auf Leistung und Perfektion


Daraus kann Perfektionismus unter einer anderen Perspektive auch als förderliche Ressource eingeordnet und entwickelt werden.

(Sonnenmoser, 2022)


Diese Perspektive eröffnet einen positiven Zugang zum Thema Selbstoptimierung. Auch die Kreativitätsforschung stützt diesen Zugang, da sie das Stadium des Nichtstuns bzw. der Muße und Langeweile als Ursprung für kreative Ideen benennt (Madel, 2015).

Herausfordernd ist zusätzlich auch die Fülle möglicher Angebote, Ansatzpunkte, Instrumente und Tools zur Entwicklung dieser positiven Ressource. Die anfängliche Motivation für diese Entwicklung kann schnell in Überforderung münden und Frust auslösen. Durch die Masse des Angebotes an Smartphone-Apps (die Koppelung an Smartwatches), Workshops, Coachings usw. wird ein Angebotsdschungel zur Selbstoptimierung geschaffen, der per se als Reizüberflutung wirken kann.


Eine Fremdeinschätzung beim Thema Selbstoptimierung kann deswegen aus den oben genannten Gründen sehr hilfreich sein.


Der Grad der eigens auferlegten Optimierungsziele wird dabei diskutiert und auf Sinnhaftigkeit geprüft, sodass Selbstoptimierungsaktivitäten nicht über das Ziel hinausschießen und letztlich mehr Schaden anrichten, als dass sie nützen.

Sich selbst immer wieder zu hinterfragen, seine Bedürfnisse, Potenziale und Grenzen zu kennen stellt eine wichtige Basis dar, um sich nicht zu sehr von außen beeinflussen zu lassen. Wenn ein Entwicklungswunsch von innen heraus entsteht und die eigenen Bedürfnisse & Grenzen berücksichtigt, ist die Chance, durch "Optimierungsmaßnahmen" zufrieden zu werden, viel höher und vor allem nicht gesundheitsschädigend (psychisch sowie physisch).




Schau gern in meinen Mindfulness for Companies Formaten vorbei. Diese richten sich gezielt auf die Verbesserung des Stressmanagements beispielsweise im Umgang mit Perfektionismus als Ressource in einer sich wandelnden Arbeitswelt. Achtsamkeits- und Stressmanagement-Programme können wirkungsvoll dazu beitragen, die nachhaltige (Selbst-) Organisation zu optimieren. Dabei wird erst einmal ein achtsamer Zugang zu sich selbst geschaffen, der hilfreich dafür ist, ein gesundes Gefühl für sich selbst und dem, was einem gut tut und was nicht, zu entwickeln.



Be Your Mindful Self.


Katharina Ogilvie






Quellen:


Curran T, Hill AP: Young people‘s perceptions of their parents‘ expectations and criticism are increasing over time. Psychological Bulletin, advance online publication 31.03.2022


Etherson M, Curran T, Smith M, Sherry S, Hill A: Perfectionism as a vulnerability following appearance-focussed social comparison. Personality and Individual Differences 2022:

186: 111355.


Madel, M. (2015) Selbstoptimierung: Weniger ist manchmal mehr. Deutsches Ärzteblatt. Heft 23 Ausgabe Juni 2015. S. 2-4

Link: https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=170833 (Letzter Zugriff: 07.05.23)


Sonnenmoser, M. (2022) Gesellschaft und Psyche: Der Drang zur Optimierung.

Deutsches Ärzteblatt. Ausgabe August 2022. Seite 353-355

Link: https://www.aerzteblatt.de/pdf.asp?id=226477 (Letzter Zugriff: 05.05.23)

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